In Varanasi kamen wir aufgrund der Zug-Verspaetung tatsaechlich sehr verspaetet an und weil wir so spaet ins Hotel kamen wurden wir dann mit der naechsten “erfreulichen” Ueberraschung konfrontiert: Naemlich dass es kein Zimmer fuer uns gibt und wir in ein anderes Hotel umgebucht werden muessen. Wir haben allerdings extra ein etwas netteres Hotel gebucht und wollten uns nicht einfach mit einem anderen, schlechteren (und wir haben die anderen gesehen, wussten also was uns erwarten wuerde) Hotel abspeissen lassen. Wenn man neun Stunden zu spaet nach einer 17-stuendigen Zugfahrt in einer chaotischen indischen Stadt ankommt dann koennen zwei Stunden die man damit verbringt mit unfaehigem Hotelpersonal zu diskutieren ganz schoen anstrengend sein! Letztendlich bekamen wir doch noch ein Zimmer (wenngleich mit der indischen Version einer Toilette) und am naechsten Tag dann auch ein adequates.
Wir haben uns weil die Zeit in Varanasi eben kuerzer als geplant war einen Auto-Rikshah-Fahrer fuer den Tag gemietet, der mit uns die wichtigsten Sehenswuerdigkeiten abgeklappert ist. Das war eigentlich sehr nett, allerdings war es auch in Varanasi nicht gerade warm, so haben wir ziemlich gefroren bei dem ganzen Unterfangen. Ganz am Schluss sind wir zum Fluss Ganges gefahren der im Hinduismus als ganz besonders heilig gilt. Jeden Morgen gehen hier viele Menschen am Flussufer – bei den sogenannten Ghats – im heiligen Wasser baden (aus meiner Sicht handelt es sich da aber eher um ein extrem verdrecktes als heiliges Wasser).
Bei zwei Ghats werden auch Verbrennungen von Leichen durchgefuehrt und man kann sich das auch ganz aus der Naehe ansehen. Die Leichen der Toten werden – nach einem Verabschiedungsritual zu Hause – von den maennlichen Verwandten und Freunden auf einer Bahre mit Blumen geschmueckt zum Fluss gebracht. Dort wird der Leichnahm mit Wasser des Ganges bespritzt und dannach wird direkt am Ufer die Leiche verbrannt. Weil es sich dabei aber um ein “normales” Feuer und nicht um ein professionelles Krematorium handelt braucht man mindestens 360 kg von einem speziellen Holz mit genuegend Brennwert damit die Leichen auch ordentlich verbrennen und nur noch Asche uebrigbleibt (die dann in den Ganges gestreut wird). Die ganze Durchfuehrung der Verbrennung kostet im Minimalfall 10.000 indische Rupien (etwa 150 Euro) und das koennen sich natuerlich viele arme Familien nicht leisten. Deswegen gab es auch in der Vergangenheit oft das Problem dass Leichen nur “ein wenig” verbrannt wurden und dann der Rest des Toten in den Fluss geworfen wurde. Was natuerlich kein besonders schoenes Bild gab wenn man als Tourist mit dem Boot ueber den Ganges faehrt und am Boot Leichen vorbeitreiben. Das Problem wird mittlerweile damit geloest dass die Regierung und wohltaetige Organisationen den fehlenden Betrag fuer eine ordnungsgemaesse Verbrennung bei armen Familien beisteuern und es somit mittlerweile fast immer zu “ordnungsgemaessen” Bestattungszeremonien kommt.
Jetzt haben wir uns natuerlich gefragt warum die Armen das ueberhaupt machen? Warum wirft man einen halbverbrannten Angehoerigen in den Fluss anstatt ihn wie bei uns ueblich zu begraben? Im Hinduismus glaubt man daran dass das Feuer die Seele reinigt. Die Verbrennung dient also dazu die Seele des Verstorbenen zu reinigen und die Seele ins Nirvana aufsteigen zu lassen (wenn man in Varanasi stirbt kommt die Seele ins Nirvana und findet dort ihre Ruhe und wird nicht wiedergeboren, ansonsten bleibt die bereinigte Seele “im Umlauf” und wird in einem anderen Lebewesen wiedergeboren. Es ist auch interessant das an der Verbrennungs-Zeremonie nur Maenner teilnehmen duerfen. Die weiblichen Verwandten und Freunde muessen sich schon zu Hause vom Verstorbenen verabschieden weil man glaubt dass die Seele nicht ins Nirvana aufsteigen kann wenn bei der Bestattung geweint wird. Und weil die Frauen dafuer generell zu anfaellig sind ist es ihnen nicht gestattet dem Bestattungs-Ritual beizuwohnen. Auch noch interessant: Es gibt 6 Personen-Gruppen deren Seele schon zu Lebzeiten als rein angesehen wird und in deren Totesfall es nicht notwendig ist sie dem Feuer zuzufuehren. Alle habe ich mir nicht gemerkt, aber unter anderem gehoeren Schwangere, Lepra-Kranke und Kinder unter 9 Jahren dazu. Auch sie muessen natuerlich wenn sie sterben in “Mutter Ganges” – so wird der Fluss auch genannt – bestattet werden. In diesem Fall wird der Leichnahm mit Steinen beschwert und in der Mitte des Flusses versenkt.
Diesen Fall haben wir zum Glueck nicht gesehen, aber wir haben in den engen Strassen der Altstadt einige Prozessionen gesehen wo Maenner Tote auf Bahren zum Ganges bringen. Und auch die Feuer-Bestattung eines Toten konnten wir ganz aus der Naehe mitverfolgen. Aber was zunaechst fuer uns eigenartig oder sogar abstossend anmutet erweisst sich dann mit dem richtigen Hintergrund-Wissen ausgestattet dann doch als ganz nachvollziehbar und verstaendlich.
Von Varanasi sind wir (natuerlich wieder mit Verspaetung) zurueck nach Delhi geflogen und haben uns am naechsten Tag mit dem Zug auf den Weg nach Agra gemacht um dort den Taj Mahal und das Agra Fort zu besichtigen. Dass wir auch bei diesem Zug wieder Verspaetung (ueber 4 Stunden) hatten und der Zug am Abend zurueck ueberhaupt gestrichen wurde und wir mit zwei anderen Touristen mit einem Taxi zurueck nach Delhi fahren mussten brauch ich wohl gar nicht mehr extra zu erwaehnen.
Jedenfalls waren beide Sehenswuerdigkeiten, insbesonders aber der Taj Mahal den Ausflug allemal wert. Der Taj Mahal ist eigentlich eine Grabstaette die der Mughal-Herrscher Shah Jahan fuer seine zweite Ehefrau die bei der Geburt ihres vierzehnten (!) Kindes gestorben ist. Praechtig, maechtig, beeindruckend, wunderschoen, faszinierend und einzigartig sind ein paar der Adjektive die mir spontan zum Taj Mahal einfallen. Allemal einen Abstecher wert wenn man in Indien ist! Ach ja, eine Sache gilt es noch zu erwaehnen weil sie bei vielen Sehenswuerdigkeiten auftritt aber beim Taj Mahal besonders intensiv ausgepraegt ist: Die Unterscheidung zwischen Inlaendern und Auslaendern bei den Eintrittspreisen. Beim Taj Mahal darf man als Tourist den 75(!)-fachen Eintritt im Vergleich zu den Indern zahlen. 10 Rupien fuer Inder, 750 fuer Auslaender (15 Cent versus 11,50 Euro). Ein wenig zu differenzieren ist ja gut und wir Touristen sollen ja auch fleissig Geld im Land lassen aber dieser Preis-Unterschied ist schon fast a bisserl frech. Die armen Inder koennen ohnehin nicht nach Agra reisen um den Taj Mahal zu besichtigen und die, die es sich leisten koennen koennten allemal mehr als 15 Cent beisteuern. Naja, was soll’s, ich fand’s jedenfall interessant zu erwaehnen.
Zu Amritsar: man kann schon fast von Glueck sprechen dass der Zug nach Amritsar auch waehrend der Fahrt nochmal ordentlich Verspaetung dazubekommen hat und so kamen wir statt wie geplant um 19.15 am Abend um 06.15 am Morgen in Amritsar an. So hatten wir doch zumindest fast eine ganze Nacht Schlaf, wenn auch nicht wie geplant in einem gemuetlichen Bett sonders im Zug.
Wir wurden gleich sehr nett begruesst und fuhren ins Haus der Uppals, bei denen wir das Wochenende verbracht haben. Zum zweiten Mal kamen wir somit also in Genuss der indischen Gastfreundschaft.
Wir haben gleich mal den ganzen Vormittag verschlafen, was aber nicht so tragisch ist denn in Amritsar gibt es nicht allzu viel zu sehen. Dafuer aber zwei ordentliche Highlights: Den goldenen Tempel in Amritsar und die indisch-pakistanische Grenze, die nur 30 km von Amritsar entfernt ist und an der jeden Abend bei Sonnenuntergang ein einmaliges Grenz-Schliessungs-Zerimoniell stattfindet.
Da sind wir natuerlich hingefahren und das war wirklich ein lustiges Ereignis. Eigentlich ist es gar nicht lustig gemeint, denn die indischen Soldaten auf der einen Seite und die pakistanischen auf der anderen Seite liefern sich im Rahmen dieses Zeremoniells sozusagen einen Wettkampf in dem sie sich gegenseitig zu uebertrumpfen versuchen und der jeweils anderen Seite demonstrieren wollen dass sie die besseren, mutigeren, staerkeren, etc. sind. Das mutet allerdings eher komisch an und fuehrt insbesondere bei den auslaendischen Touristen eher zu Grinsen als zu Ehrfurcht. Jedenfalls ist die halb-stuendige “Show” eine ziemliche Attraktion, so mussten an der Grenze auf beiden Seiten Tribuehnen errichtet werden um den vielen Zusehern die jeden Abend hierher kommen auch genuegend Platz zu bieten. Und nicht nur die Soldaten beider Seiten wollen einander ueberbieten sondern auch die Zuseher. Da wird geschrieen, getanzt, geklatscht und generell jede Menge Wirbel gemacht um die andere Seite zu uebertrumpfen. Der eigentliche Grund des Zeremoniells ist allerdings dass die jeweiligen Fahnen eingeholt werden und damit die Grenze fuer den Tag geschlossen wird ehe am naechsten morgen die Grenze wieder geoeffnet wird (dann aber unspektakulaer, ohne grossem Getue).
Das andere Highlight war der goldene Tempel in Amritsar, den wir gleich zweimal, einmal am Abend und dann nochmal bei Tageslicht am naechsten Tag besichtigt haben. Der goldene Tempel ist die heiligste Staette der Sikhs, und weil man im Sikhismus an die Gleichheit aller Menschen glaubt ist auch jeder – unabhaengig der Rasse oder Glaubensrichtung – im goldenen Tempel willkommen. Der Gedanke der Gleichheit der Menschen fuehrt auch zu einer guten Sache in Amritsar: innerhalb der Tempelanlage gibt es eine riesige Kueche und dort werden kostenlos jeden Tag 60.000 bis 80.000 Menschen verkoestigt. Man bekommt dort das Essen und setzt sich in eine Reihe mit allen anderen auf den Boden. Wir haben das nicht gemacht, aber viele (insbesonders arme) Menschen nehmen das natuerlich gerne in Anspruch und so sagt man auch dass in Amritsar kaum jemand verhungern kann weil man eben bei Tempel rund um die Uhr etwas zu essen bekommt.
Der Tempel ansich ist wunderschoen inmitten eines grossen Wasserbeckens innerhalb eines grossen Arkadenhofs gelegen und ganz im Gegenteil zum Rest der Stadt absolut sauber gehalten. Es gibt auch viele freiwillige Glaeubige die den ganzen Tag die Tempelanlagen sauber halten. Der Tempel besteht zu einem grossen Teil aus Kupfer, allerdings wurden angeblich auch 750 Kilo reines Gold verwendet, daher auch der Name. Wie der Taj Mahal ist auch der goldene Tempel so ein Ort der eine gewisse Magie auf die Besucher ausuebt. Das ist schwer zu beschreiben aber man kommt dort hin und hat ein ganz besonderes, beruhigendes Gefuehl in sich. Vielleicht liegt es auch an den vielen Glaeubigen die ihre Rituale hier ausueben oder an den spirituellen Gesaengen die aus den Lautsprechern zu hoeren sind, jedenfalls liegt da etwas sehr spezielles in der Luft.
Den Rest des Wochenendes haben wir im Kreise der Familie verbracht. Und obwohl wir diese Leute ja gar nicht gekannt haben, haben sie es geschafft dass man sich innerhalb von Minuten wie zu Hause fuehlt und man sich total wohl fuehlt. So konnten wir uns heute Morgen auch nur schwer von Vaibhav, Sadhika, Asha und Winot und den Hunden Abu und Sheril verabschieden.
Fuer uns geht es jetzt ein letztes Mal zurueck nach Delhi wo wir den morgigen Feiertag, den Republic-Day, ruhig verbringen werden bevor wir dann am naechsten Tag das kuehle Klima im Norden Indiens hinter uns lassen werden und fuer den Endspurt unserer Reise in den warmen Sueden fliegen werden.
Fotos gibt es auch wieder neue: India Part 3